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The river is an ocean

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Unter den gestrandeten Migranten in Libyen geht die Geschichte um, dass sie nur noch den grossen Fluss zwischen Afrika und Europa überqueren müssen um nach Italien zu gelangen. Eines Tages werden sie dann zusammen mit vielen weiteren hundert Menschen in ein Gummiboot gepfercht mit dem Hinweis in Richtung des Lichtes zu steuern, welches am Horizont aufleuchtet. Dort soll Europa sein. Was diese Menschen jedoch nicht wissen ist , dass das Licht eine Flamme der grossen Bohrinsel Bahr Essalam ist und sich 100km weit entfernt vor der libyschen Küste im Mittelmeer befindet. Es ist unmöglich diese mit einem der Gummiboote zu erreichen.

The river is an ocean

 

Ich war mit einem Rettungsboot der Nichtregierungsorganisation Sea-Eye an der libyschen Küste unterwegs um Schiffbrüchige mit Schwimmwesten auszustatten, so der Plan. Doch es kam alles ganz anders als gedacht. Wir waren insgesamt 9 Crew Mitglieder. Petra war für die Kommunikation beim anfahren der Flüchtlingsboote zuständig, Thomas der Kapitän, Olaf der RIB Bootfahrer, Ed der Arzt, Robert K. der Beobachter, Kalle und Karl-Heinz die Maschinisten und Robert R. war zusammen mit mir Deckhand. Zudem war jedes Mitglied für den Wachdienst auf der Brücke, zum putzen und in der Küche zum kochen eingeteilt.

Aufgrund des aufkommend schlechten Wetters mit starken Windböen und hohen Wellen, entschieden wir uns noch einige Tage lang im Hafen von Malta auszuharren. Die Zeit wurde genutzt um das Schiff auf Vordermann zu halten und uns gegenseitig kennenzulernen. Die Feierabende verbrachten wir, in der um die Ecke liegenden „New Tiger Bar“. Diese Bar sollte uns schonmal für den kommenden Einsatz vorbereiten, denn das Publikum bestand ausschließlich aus schwarzer Kundschaft, die selbst einmal mit dem Boot aus Libyen nach Malta gekommen waren.

Foto: Die Crew auf dem Weg zum Abendessen.

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Foto: In dieser berühmt berüchtigten Bar am Hafen von Valetta verbrachten wir die ersten Abende vor der Abfahrt.

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Foto: Kalle der Chef Maschinist in seinem Element

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Foto: Olaf ist bereit um aufzubrechen.

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Foto: Die Sea-Eye im Hafen von Valletta.

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Foto: Die winzige Küche erfordert viel Geschick beim Kochen, vor allem auf hoher See wenn alles schwankt.

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Foto: Wichtig, der Notausgang aus dem Maschinenraum.

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Foto: Bei rauhem Seegang und starken Böen konnte es am 11.4.2017 endlich losgehen in Richtung libysche Küste.

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Foto: Robert K. beim prüfen der Windstärke.

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Foto: Kalle in der Schiffsküche.

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Foto: Die Ruhe vor dem grossen Sturm.

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Foto: Karfreitag, 14.April 2017 –  Die See war ruhig und bereits bei Sonnenaufgang konnten wir die ersten Schiffbrüchigen aus einem kleinen Holzboot bergen.

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Foto: Wir nahmen die Menschen aus dem ersten Boot mit an Board, denn etwas weiter wartete schon ein Gummiboot mit weiteren Schiffbrüchigen auf uns.

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Foto: Neben den meist schwarzafrikanischen Menschen fanden sich auch Bangladeshis mit an Board, die in Libyen unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet haben. 

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Foto: Nachdem die Menschen sicher auf die Sea-Eye aufgenommen wurden, war die Erleichterung und Dankbarkeit gross und es folgten Gebete und Freudensausbrüche.

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Foto: Das Bild der Sea-Eye mit den vielen Menschen an Board erinnert an die Arche-Noah.

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Foto: Die erschöpften Menschen auf dem Deck der Sea-Eye.

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Foto: Nach einer kurzen Verschnaufpause erschien auch schon das nächste Gummiboot am Horizont. Die ca. 100 Menschen wurden von uns mit Rettungswesten versorgt. Nachdem jeder ausgestattet und somit in Sicherheit war, war die Freude gross wie man sieht.

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Foto: Die leeren Gummiboote wurden abgestochen um zu verhindern, dass sie nochmals verwendet werden. Die Motoren wurden von skrupellosen libyschen Schleppern abmontiert und mitgenommen, um sie für das nächste Boot wieder zu verwenden.

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Foto: Die Hoffnungen auf ein besseres Leben in Europa sind gross. Aber es ist noch ein langer und harter Weg bis dahin.

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Foto: Am 15.4.2017 wurden wir durch einen MayDay Call der Iuventa (Jugend rettet e.V.) über die Position eines Holzbootes mit ca. 500 Menschen informiert. Mit voller Geschwindigkeit und vielen Menschen an Board, sind wir dann dorthin geeilt. Vor Ort bot sich uns ein Bild des Grauens. Wir hörten Schreie und sahen Menschen die im Wasser um ihr Leben kämpften. 

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Foto: Eine der vielen Rettungsinseln auf die sich die schwimmenden Menschen retten konnten.

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Foto: An Board des Holzbootes herrschten katastrophale Zustände. Um die Menschen ruhigen zu stellen peitschten einige mit ihren Ledergürteln auf die Menge ein. Das Boot hatte insgesamt drei Ebenen auf denen sich insgesamt 750 Menschen befanden. Die Iuventa und die Sea-Eye versuchten die Menschen so gut es ging abzubergen und auf Rettungsinseln als auch an Deck zu bringen. Nach einigen Stunden erreichte der Bundeswehr Tender RHEIN das Szenario und half uns mit zwei RIB Booten die verbliebenen Menschen zu bergen. Bei diesem Seenotfall brachten wir insgesamt 900 Menschen in Sicherheit. Wie durch ein Wunder gab es keine Leichen. 

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Foto: Es befanden sich während des Tages bis zur Evakuierung durch die Soldaten der Bundesmarine um 0.30 Uhr des Folgetages, 286 Menschen an Board der Sea-Eye. Es herrschten chaotische Zustände an Board wie man hier deutlich erkennen kann.

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Foto: Eine Gruppe Somalis auf dem Deck der Sea-Eye.

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Foto: Ein Junge aus Somalia auf dem oberen Deck der Sea-Eye. Im Hintergrund der Bundesmarine Tender RHEIN.

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Foto: Moses (links) aus dem Süden von Nigeria ist 19 Jahre alt und hat schon eine Menge durchgemacht. Seine Eltern haben ihn losgeschickt um für das Wohl der Familie zu sorgen. Es lastet ein riesen Druck auf ihm. In Nigeria hatte er keine Aussicht auf einen Job. In Europa will er durch harte Arbeit Geld verdienen, sparen und damit seine Familie unterstützen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben ist gross. Das wichtigste im Moment war für ihn aber erstmal das Überleben. Sein Fluchtweg führte ihn durch den Tschad nach Libyen. Dort musste er 16h täglich auf einer Baustelle arbeiten und durfte sein Haus nach Feierabend nicht verlassen. Für die Überfahrt auf dem Boot bezahlte er umgerechnet 1500 Euro. Für eine Schwimmweste die so gut wie nix taugt wurden nochmal 300 Euro berechnet.

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Foto: Bei 286 Menschen an Board kam die Sea-Eye und seine Crew an ihre Grenzen.

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Foto: Während der Evakuierung durch die Soldaten des Bundeswehr Tender RHEIN brach Panik auf der Sea-Eye aus. Die Menschen hatten Angst, denn sie wussten nicht was auf sie zukommt.

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Foto: Schwerbewaffnet mit grossen Maschinengewehren kamen die Soldaten um die Migranten abzuholen. Dabei wurde jeder einzelne nach Waffen und anderen Dingen untersucht. Dementsprechend langsam dauerte die Bergung der 286 Menschen. Die Menschen waren durch das aggressive Auftreten der Soldaten ängstlich und panisch. Ein bewegender Moment für mich war als eine junge Frau meine Hand gehalten hat und nicht mehr loslassen wollte. Sie suchte Schutz und Halt inmitten dieses Chaos und zeigte auf ihre Brust, denn sie konnte kaum noch atmen. 

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Gegen 0.30 Uhr war die Evakuierung abgeschlossen, wir waren fix und fertig und bekamen einen neuen Notruf für einen Einsatz in ca. 6 Meilen Entfernung. Am 16.April 2017 um ca. 1.45 Uhr waren wir dann vor Ort und trafen auf weitere Rettungsschiffe, die allesamt schon überfüllt waren. Zusätzlich befanden sich noch mehrere hundert Menschen in fünf weiteren Schlauchbooten,  die im Meer umhertrieben. Die meisten von ihnen noch ohne Schwimmwesten. Wir entschieden uns 75 Menschen von einem der Boote mit an Board zu nehmen. Ein Mann den wir mit an Board nahmen, hatte eine infizierte Schusswunde am Sprunggelenk und er berichtete uns, dass sein Freund in Libyen erschossen wurde. Erst morgens gegen 5 Uhr war diese Rettungsmaßnahme mit Hilfe der anderen Rettungsschiffe abgeschlossen.

Wir wollten nun zurück nach Malta aufbrechen aber um 9.20 Uhr erreichte uns von der Organisation Seawatch ein erneuter Notruf. Ein Schlauchboot soll Luft verlieren und geht unter. Als wir das Boot erreichen waren bereits zwei andere Organisationen zur Hilfe vor Ort, die jedoch schnell an ihre Grenzen kamen. Und so zogen wir das sinkende Boot zur Sea-Eye heran, damit die in Panik geratenen Menschen über eine Strickleiter, direkt zu uns an Board kommen konnten. Leider konnten wir nicht mehr allen Menschen das Leben retten. Im leeren Gummiboot befanden  sich die toten Körper von fünf weiteren Männern im Diesel-Urin-Salzwasser Gemisch.  Der Steuermann lag tot neben dem Motor mit noch einer Hand am Steuer. Weitere Leichen trieben im Meer und gingen unter. Insgesamt gab es bei diesem Einsatz 8-10 Tote. Eine 20-25 jährige schwangere junge Frau wurde bei dieser Aktion mit an Board genommen, die schon stark unterkühlt war. Nach etlichen Wiederbelebungsversuchen ist sie dann letztendlich auf der Sea-Eye gestorben.

Bild: Das untergehende Schlauchboot. Der hintere Teil hatte bereits Luft verloren, sodass Wasser ins Boot gelangte. Im Hintergrund zu sehen ist ein libysches Fischerboot der Schlepper, die dem Treiben zuschauten und nur darauf warteten bis die Aktion zu Ende ist um den Motor wieder mitzunehmen.

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Foto: Die Menschen waren stark unterkühlt und wurden mit Schutzanzügen und Wärmedecken versorgt.

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Foto: Das obere Deck völlig überfüllt. Da es nur eine Toilette an Board gab, verrichteten diese Menschen teilweise ihre Notdurft im Liegen. Andere mussten sich aufgrund der Seekrankheit ständig übergeben. Unvorstellbar was diese Menschen aushalten mussten. 

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Foto: Vor der Krankenstation warten die Verletzten und unterkühlten Frauen. Eine der Frauen berichtet uns, dass zwar ihr Mann von der Sea-Eye gerettet wurde, ihr Sohn aber beim Sinken des Gummibootes ertrunken ist. 

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Foto: Dann gab es noch zwei weitere in Seenot geratene Flüchtlingsboote. Die Wellen waren bereits auf eine Höhe von 2Meter angestiegen und es wehte ein starker Wind. 

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Foto: Doch glücklicherweise war gerade die Tuna1, ein grosses Frachtschiff, in der Nähe und konnte die Menschen bergen.

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Auch die Menschen bei uns an Board sollte die Tuna1 übernehmen. Aufgrund des sich verschlechternden Wetters wurde diese Aktion jedoch abgeblasen. Die Tuna1 erklärte sich daraufhin als überlastet und der Kapitän drehte ab in Richtung libysche Küste um die Migranten zurück nach Libyen zu bringen. Erst unter Androhung von juristischen Konsequenzen unsererseits, drehte er wieder in Richtung italienisches Festland. Wir konnten somit verhindern, dass 475 Menschen in ungewisse und lebensbedrohliche Verhältnisse nach Libyen zurückgebracht wurden.

Foto: Unterdessen verschlechterte sich das Wetter und auch der Zustand der Menschen und der Crew auf der Sea-Eye. Wir mussten eine Lösung finden um die 200 Menschen die bei uns an Board waren in Sicherheit zu bringen. Auch das Wasser und die Lebensmittel wurden langsam knapp.

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Foto: Als erste Massnahme verlagerten wir die Menschen vom vorderen oberen Deck nach unten, um zu verhindern, dass diese durch den starken Wind und das Wasser unterkühlt werden.

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Trotz intensiver Bemühungen gelang es uns bis nach Mitternacht nicht, das MRCC(Maritime Rescue Coordination Centre) und die Phoenix von einem schnellen Transfer der Menschen zu überzeugen. Um 3 Uhr nachts wurde uns vom MRCC in Rom ein erneuter Treffpunkt zugeteilt, den wir im Morgengrauen erreichten. Am vereinbarten Treffpunkt befanden sich die Phoenix, die italienische Küstenwache und wir. Um 8 Uhr wurde die Rettungsaktion wieder um ungewisse Zeit verschoben. Es kam der Vorschlag den Schutzhafen Zarzis in Tunesien anzulaufen. Unter Abwägung aller Gegebenheiten willigten wir ein und nahmen Kurs auf in Richtung Westen. Aufgrund des immer schlechter werdenden Wetters und dem kritischen Zustand der Geretteten und der Crew waren wir nun selbst in Seenot geraten und konnten das Überleben der Menschen an Board nicht mehr garantieren.

Foto: Einen ganzen Tag und die ganze Nacht mussten die Menschen auf der Sea-Eye bei Wind, Wellen, Sonne und unter unmenschlichen Zuständen durchhalten. Auch die Crew selbst kam dabei an ihre Grenzen. 

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Foto: Robert R. kämpft sich durch die liegenden Menschen. 

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Morgens am 16:April um 8.53 Uhr setzten wir einen MayDay-Call (Notruf) ab. Daraufhin drehte das italienische Küstenwachschiff, welches sich zwischenzeitlich entfernt hatte um, und kehrte zu uns zurück. Um 18 Uhr des gleichen Tages fand die Evakuierung der Menschen mit Hilfe von zwei Speed Booten aus Lampedusa statt.

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Foto: Die Dankbarkeit war gross bei den Menschen, zum Abschied haben sie uns gewunken. 

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Der gesamte Einsatz dauerte etwa 86 Stunden bei ca. 7 Stunden Schlaf pro Crewmitglied. Dabei haben wir insgesamt 1388 Menschen das Leben gerettet.

Foto: Das obere Deck der Sea-Eye übersät mit Wärmdecken und durch Urin und Erbrochenem getränkte Kleidung.

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Diese Mission hat mich an meine persönlichen Grenzen gebracht und ich habe viel über mich selbst und über andere gelernt. Sowohl beim fotografieren, als auch beim Umgang mit den vielen Menschen an Board, in Stresssituationen, beim Kampf gegen die Seekrankheit und den Schlafmangel und das Zurechtkommen im Team. Es war in jeder Hinsicht ein grosse Herausforderung. Da ich sowohl als Deckhand Bestandteil der Crew, als auch als Fotograf tätig war, war es immer ein schwieriger Balanceakt für mich um welche Arbeit ich mich im entscheidenden Moment kümmern sollte. Sobald aber Menschen vor mir in Lebensgefahr waren, stand natürlich die Rettung im Vordergrund, denn ansonsten hätte ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können. Nach all dem was ich hier gesehen und erlebt habe, schäme ich mich ein Europäer zu sein.

“I know a few things to be true. I do not know where I am going, where I have come from is disappearing, I am unwelcome and my beauty is not beauty here. My body is burning with the shame of not belonging, my body is longing. I am the sin of memory and the absence of memory. I watch the news and my mouth becomes a sink full of blood. The lines, the forms, the people at the desks, the calling cards, the immigration officers, the looks on the street, the cold settling deep into my bones, the English classes at night, the distance I am from home. But Alhamdulilah all of this is better than the scent of a woman completely on fire, or a truckload of men, who look like my father pulling out my teeth and nails, or fourteen men between my legs, or a gun, or a promise, or a lie, or his name, or his manhood in my mouth.” – Warsan Shire

3 thoughts on “The river is an ocean”

  1. Daniel: Deine Bilder sind beeindruckend! Sie erinnern mich (und mein schlechtes Gewissen) mal wieder daran, mich über die Situation Geflüchteter in meiner Stadt auf dem Laufen zu halten – und endlich auch mal eine Kleinigkeit zu tun. Aufs Meer hinaus fahren werde ich dazu nicht – dazu fehlen mir Mut und Entschlossenheit und die Überzeugung, das Richtige an der richtigen Stelle zu tun.
    Letztens gab es – ich glaube in „Heute“ – einen kurzen Beitrag zu einer Ökumenischen Initiative in Bonn, die es geschafft haben, einen von vielleicht 50 Menschen in Stand zu bringen, den wir als „normales“ Beschäftigungverhältnis (und damit als „normale“ Lebenssituation) ansehen.
    Der Tenor einer der Mitarbeiter der Initative: Sie hat keine Erwartungen mehr, arbeitet aber weiter und freut sich, wenn – trozdem – der ein oder andere etwas schafft, was so schön Bürokratisch als „Integration“ beschrieben werden kann. Die Kinder haben – so auch der Tenor – die besten Chancen.
    Warum ich das schreibe: Wenn man in die Augen der Menschen auf Deinen Bilder sieht, spürt man die Erwartung, die in den Blicken liegt. Einen „Sinn“ haben die Strapazen einer Flucht doch nur, wenn es für den einzelnen die Chance auf ein besseres Leben gibt! Diese Chance hier in Realität umzuwandeln und gleichzeitig zurückzuspiegeln: Afrika muss selbst einen Weg finden, seinen Menschen mehr zu geben, als nur die Aussicht auf Hunger und Kriege – erscheint mir wie die sprichwörtliche Plackerei des Sysiphos.
    Trotzdem: Vielen Dank für die Bilder!

  2. Hi Daniel, ich habe die Bilder mit Absicht gerade nur kurz überflogen um sie beim Besuch in Regensburg bei deiner Ausstellung nächste Woche in Ruhe anzusehen. Aber auch im Kurzüberflug sind die Bilder einfach beeindruckend. Du hast auf deiner Reise aber sicher noch weitere Motive gesehen, die in deinem Kopf bleiben werden. Dir gebührt größtmöglicher Respekt für deinen Einsatz.

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